FALK FATAL erlebt Miesbaden

FALK FATAL erlebt Miesbaden

Wiesbaden trug in meinem Freundeskreis früher den Spitznamen Spiessbaden. Das passte, weil Wiesbaden viele Jahre für kultur- und musikinteressierte Menschen eine traurige Einöde war. Mitte der 1990er Jahre war die Stadt in Sachen Musikkultur tot. Erst der Schlachthof änderte das. Er trug mit seinem erfolgreichen Wirken maßgeblich dazu bei, dass aus einer Industrieruine der heutige Kulturpark wurde, der mit seinem vielfältigen Kultur- und Sportangebot mittlerweile ein Magnet für junge Leute und Junggebliebene geworden ist.

Der Schlachthof und Jahre später der Kulturpark hatten das Glück, dass sie sich vor Peak Social Media entwickeln konnten. Denn heutzutage würde allein die Äußerung solcher Pläne eine Empörungswelle in den sozialen Medien auslösen. Irgendein gescheiterter Lokalpolitiker würde vom Parkplatzklau reden, ein anderer darauf wetten, dass spätestens in zwei Jahren das komplette Gelände vermüllt und zerstört ist. Ein weiterer Kommentator würde prophezeien, dass Musikklub und Parkanlage sich zu einem Hotspot für Dealer und Junkies entwickeln werden. Die Zahl der wütenden Emojis würde in die Höhe schießen und eine Kommentatorin würde darüber schimpfen, dass es Abstellplätze für Fahrräder gibt: „Und wer denkt an die Autofahrer???“ Selbstverständlich würde auch der Hinweis auf die nächste Wahl nicht fehlen. „Dann wird das Pack endlich abgewählt!1!“

Ich übertreibe? Nicht wirklich. Diese Reaktionen finden sich regelmäßig unter Mitteilungen der Stadt Wiesbaden oder unter Artikeln der Lokalpresse, wenn Pläne zur Umgestaltung öffentlicher Plätze angekündigt werden, wie etwa beim Elsässer Platz oder dem Sedanplatz. Selbst die Reparatur gebrochener Wasserrohre ruft Unmut hervor. Denn immer muss jemand schuld sein, nie darf es einfach ein Unfall sein. Immer müssen Stadtpolitik und Verwaltung nur aus Idioten bestehen, lautet oft der schlechtgelaunte Tenor. Inhaltliche Kritik? Meistens Fehlanzeige. Stattdessen erfolgt der Dreiklang aus Meckern, Nörgeln und Schimpfen. Heutzutage ist Wiesbaden deutlich weniger spießig als zur Jahrtausendwende, dafür schlecht gelaunt: Spiessbaden ist zu Miesbaden geworden.

Doch permanent schlechte Laune ist nicht gut für die Gesundheit – die persönliche wie auch die der Stadtgesellschaft. Chronische negative Emotionen führen zu Depressionen oder Angststörungen. Doch wer Angst hat, bewegt sich nicht. So verharrt Miesbaden weiter in der schlechten Laune und kommt nicht voran.

Erschienen im Sensor Wiesbaden #130

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