Vor bald 100 Jahren wurde die NSDAP mit mehr als 37 Prozent zur stärksten Partei im Reichstag gewählt, ein knappes halbes Jahr wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte begann, das mit dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und dem zweiten Weltkrieg, der von deutschem Boden ausging, endete. Mehr als 60 Millionen Menschen starben in diesem Krieg, darunter rund 6 Millionen jüdische Menschen, etwa 500.000 Sinti und Roma, mehr als 200.000 geistig und körperlich behinderte Menschen, die von den Nazis in ihrem Rassenwahn gezielt getötet wurden.
Deshalb ist es auch keine „Bilderstürmerei“, wenn die Namen von öffentlichen Einrichtungen, Straßen und Plätzen, die tief in das NS-System verstrickt waren, umbenannt werden. Zu schwer wiegen diese Verbrechen. Dieser Krieg und dieser industrielle Massenmord konnten nur geführt und vollzogen werden, weil Hitler willige Helfer hatte.
Einer dieser willigen Helfer ist laut einer historischen Fachkommission, die von der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung beauftragt worden war, Wilhelm von Opel gewesen. Der Sohn von Adam Opel machte aus der Nähmaschinenfabrik, die sein Vater in Rüsselsheim gegründet hatte, gemeinsam mit seinen Brüdern zu dem Autohersteller, der noch heute existiert. Ein knappes halbes Jahr vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise verkaufte er 1929 die Adam Opel AG an General Motors. Am 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei und wurde unter anderem förderndes Mitglied der SS. Damit war er formell Mitglied der Organisation, die unter anderem für den Betrieb der Konzentrations- und Vernichtungslager zuständig war und den Holocaust geplant und durchgeführt hatte. 1933 war auch das Jahr, in dem er Wiesbaden das Opelbad stiftete. Im Spruchkammerverfahren wurde von Opel 1947 wie viele andere als Mitläufer eingestuft.
Die historische Fachkommission kommt nun zu einem anderen Schluss als die damaligen Spruchkammer und empfiehlt eine Umwidmung des Schwimmbads. Eine städtische Einrichtung sollte kein SS-Mitglied ehren. Von Opel mag kein Todesurteil gesprochen oder vollstreckt haben, doch als Fördermitglied unterstützte er die SS finanziell und trug seinen Teil dazu bei, dass diese ihrem mörderischen Handwerk nachgehen konnte.
Die Entscheidung des Ortsbeirats Nordost ist deshalb grundsätzlich ein guter Kompromiss. Das Opelbad bleibt das Opelbad, niemand muss sich an einen neuen Namen gewöhnen oder aus Trotz jahrelang den alten weiterverwenden. Lediglich die Tafel, die an seinen Stifter erinnert, soll verschwinden. Die Geschichte wird damit nicht ausgelöscht, sie bleibt für immer mit dem Schwimmbad verbunden.
Veröffentlicht in Sensor Wiesbaden #124