FALK FATAL und der Bio-SUV

Das Lastenrad ist der SUV der Bio-Bourgeoisie. Bild: KI-generiert

Neulich mittwochs, Vorabend. Ein gewöhnlicher Gassigang. Zwischen geparkten Autos und Häuserwand sind weniger als zwei Meter Platz. Plötzlich hinter mir aggressives Klingeln, dann ein Stoß in die Waden. Ich drehe mich sauer um und blicke auf das genervte Gesicht einer Helikopter-Mutter, die auf dem Sitz ihres Lastenrads thront. Auf der Ladefläche zwei Kinder, ruhiggestellt mit Bio-Dinkelstangen. Der Preis des Gefährts, das jeden Sicherheitsabstand vermissen lässt: vermutlich irgendwo zwischen Kleinwagen und Nierentransplantation.

Der Blick ist eindeutig: Was erdreiste ich mich, Fußgängerpöbel, nicht sofort zur Seite zu springen, wenn der SUV der Bio-Bourgeoisie auf dem Bürgersteig angerauscht kommt, um Jan-Philipp und Sophie-Christine zum Geigenunterricht zu transportieren?

Es gab eine Zeit, da erkannte man den Klassenfeind im Wiesbadener Stadtbild am glänzenden Auspuff. Ein Porsche Cayenne, der vor dem Herrenausstatter an der Wilhelmstraße zwei Parkplätze blockierte – unmissverständliches Signal: Hier kommt jemand, dem die Parkgebühren egal sind und der CO₂-Ausstoß erst recht.

Doch zwischen Dichterviertel, Rheingauviertel und Nerotal braucht man heute keinen 30-Liter-Diesel mehr, um Stärke zu demonstrieren. Man fährt Lastenrad. Elektrisch unterstützt, zweieinhalb Meter lang, mit Designer-Holzbox und hydraulischer Scheibenbremse. Vollausgestattet kratzt das Ding locker an der Fünftausend-Euro-Marke.

Wo der SUV-Fahrer sich den Raum einfach nimmt, weil er es kann, nimmt die Lastenrad-Elite sich den Raum, weil sie das moralische Recht dazu hat. Beim Parken dasselbe Spiel. Der klassische Luxus-Kombi blockiert gerne die Ladezone vor dem Bäcker. Das Edel-Cargobike hingegen wird mit vorbildlicher Ignoranz quer über den Gehweg gestellt. Versucht man sich mit dem Hund an der Leine vorbeizuschlängeln, erntet man Blicke, die selbst den Sedanplatz einfrieren lassen.

Die Ähnlichkeit ist nicht überraschend. Beide Vehikel erfüllen exakt denselben psychologischen Zweck. Der SUV sagt: „Ich habe es geschafft, und ihr könnt mich alle mal.“ Das Lastenrad sagt: „Ich habe es moralisch geschafft, und ihr könnt mich alle mal – aber nachhaltig.“ Beide sind Distinktionsmerkmale. Nur dass das eine nach Leder riecht und das andere nach Arroganz mit Kompostnote.

Man muss sich die Käuferschicht vor Augen halten. Man wohnt in der teuren Innenstadt, hat flexible Arbeitszeiten und gehört zu den oberen zwanzig Prozent – sonst kann man sich das Ding schlicht nicht leisten. Aber anders als der ehrliche SUV-Fahrer, der seinen Status offen zur Schau stellt, wickelt der Lastenrad-Fahrer seinen Statuskonsum in eine Decke aus Klimaschutz und Verkehrswende.

Der SUV und das Lastenrad: getrennt durch alles, vereint in ihrer Funktion. Beide Male geht es um Platz, Status und die Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Nur dass der eine beim Tanken ein schlechtes Gewissen hat, während der andere beim Überholen von Rentnern ein gutes behält. Und das ist der wahre Luxus der Lastenrad-Klasse: Sie dürfen ihren Statuskonsum auch noch moralisch finden.

In diesem Sinne: Fußgängerpöbel, mach Platz! Die Rettung der Welt kommt mit Akku-Rückenwind.

Erschienen im Sensor Wiesbaden #143

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