FALK FATAL und die Maracuja

Maracujas brauchen, bis sie süß schmecken. Ein Vorgeschmack auf die Wiesbadener Koalition?

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Obstabteilung des Supermarkts einmal zum Leitfaden für die Wiesbadener Stadtpolitik werden würde? Nachdem sich Bündnisse auf Landes- und Bundesebene jahrelang nach den Flaggen von Kenia oder Jamaika benannten, greift man in der hessischen Landeshauptstadt jetzt ins Regal mit den Tropenfrüchten. Dürfen wir vorstellen? Die Maracuja-Koalition.

Ob gewollt oder nicht: Das neue Viererbündnis aus CDU, Grünen, FDP und Volt liefert mit dieser Frucht eine ehrliche Metapher auf das, was Wiesbaden bevorsteht.

Die „Passiflora edulis“ zeichnet sich durch ihr intensiv-säuerliches Aroma aus. Von außen sieht sie glatt und prall aus – innen enthält sie geleeartige Masse und eine Unmenge harter Kerne. Und genau darauf dürfen die Wiesbadener in den kommenden Jahren zu kauen haben.

Denn das große Leitmotiv im Rathaus heißt ab sofort: Haushaltslöcher stopfen. Alle Versprechen und Projekte stehen unter Finanzierungsvorbehalt. Heißt: Papier ist geduldig, aber die Realität ist sauer. Statt Tropensüße gibt es Kerne, die zwischen den Zähnen knirschen werden.

Und Kerne hat der Koalitionsvertrag reichlich. Acht Prozent des Personalstamms in Verwaltung und städtischen Betrieben sollen in den nächsten fünf Jahren eingespart werden. Künstliche Intelligenz soll die anfallende Arbeit übernehmen. Statt mit einem genervten Sacharbeiter zu diskutieren, wird man künftig von einem freundlichen Chatbot betreut. 

Auch sonst übt sich die Maracuja im pragmatischen Rückzug: Die Sozialwohnungsquote wird reduziert, um Investoren nicht zu verschrecken, das historische Palast-Hotel soll lieber verhökert statt verpachtet werden, und das Walhalla soll nur fertig saniert werden, wenn Land, Bund oder EU die Fördermittelschatulle öffnen. Ansonsten wird es verkauft oder die Nutzung umgewidmet. Immerhin: Der gequälte Wiesbadener Autofahrer darf aufatmen. Der Schilderwald soll gelichtet, Tempo 40 wieder auf den Prüfstand gestellt werden.

Doch was wäre eine Tropenfrucht ohne einen Hauch von Exotik? Auf die darf sich vor allem das Ostfeld freuen. Die Maracuja-Truppe will den Bau einer Magnetschwebebahn prüfen. Richtig gelesen: Eine Magnetschwebebahn. Wer es auf dem harten, staubigen Boden der Tatsachen nicht schafft, ein paar Straßenbahnschienen zu verlegen, schwebt eben berührungslos über die Probleme hinweg.

Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Obstkenner wissen: Eine Maracuja schmeckt erst dann richtig süß, wenn ihre Schale schrumpelig, verbeult und optisch reif für die Biotonne ist. So gesehen müssen wir einfach nur ein paar Jahre warten, bis das Programm der Koalition schmeckt.

Bis dahin gilt: Passt auf Eure Zähne auf und verschluckt euch nicht an den Kernen.

Erschienen in Sensor Wiesbaden #144

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