Das ehemalige Kaufhof-Gebäude steht seit Jahren leer, die ehemalige Sportarena ebenfalls. Die Citypassage ist nur noch eine Erinnerung, die auf Nostalgieseiten zu bewundern ist. Das Walhalla wird vermutlich für immer leer stehen bleiben. Und wenn doch irgendwann einmal etwas mit dem Leerstand passiert, ist dort erst einmal Baustelle. Die Feststellung, dass die Fußgängerzone schon bessere Zeiten erlebt hat, ist nicht allzu gewagt.
Bei den politisch handelnden Personen sollten die Alarmglocken schrillen, wenn sie es nicht längst schon tun. Denn: Heruntergekommene Fußgängerzonen fördern rechtspopulistische Parteien. Zu diesem Ergebnis kommen die drei Wirtschaftswissenschaftler Thiemo Fetzer, Jacob Edenhofer und Prashant Garg. Das Forschertrio ging der Frage nach, ob es einen Zusammenhang zwischen leer stehenden Geschäften in den Fußgängerzonen englischer Kommunen und dem Anstieg der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (UKIP) gibt. Demnach führte eine Zunahme des Leerstands um 10 Prozentpunkte zu einem durchschnittlichen Anstieg der UKIP-Stimmenanteile um knapp zwei Prozentpunkte.
In Deutschland begann der Aufstieg der rechtsextremen AfD besonders in Regionen, die wirtschaftlich abgehängt sind und deren Interessen in der Öffentlichkeit wenig Gehör finden.
Der Strukturwandel des Einzelhandels – der Onlinehandel löst das Ladengeschäft ab – kommt erschwerend hinzu und lässt soziale Treffpunkte verschwinden. Das mindert nicht nur die Lebensqualität, sondern hat auch Sekundäreffekte wie sinkende Immobilienwerte zentral gelegener Häuser, die für zusätzlichen Unmut auf die handelnde Politik sorgen.
Doch was kann die Stadtpolitik gegen den Verfall unternehmen? Die Forscher haben hier eine eindeutige Empfehlung. Die Stadtpolitik sollte nicht nur auf große Investitionsprojekte setzen, deren Planung und Vorlauf bis zum ersten Spatenstich allein schon Jahre dauern kann.
Beispiel Citypassage: Die steht seit 2015 leer. Stattdessen soll dort ein neues Wohn- und Gewerbequartier entstehen, die Mauritius-Höfe. Anfang Mai, also rund zehn Jahre später, wurde die Baugenehmigung erteilt, bis 2028 soll das neue Quartier fertiggestellt sein. Das Walhalla steht seit 2017 leer und hat gute Chancen, ebenfalls bald das zehnjährige Leerstandsjubiläum zu feiern.
Die Wirtschaftswissenschaftler empfehlen deshalb, dass die Politik sich nicht nur auf langfristige Großprojekte konzentrieren sollte, deren Nutzen erst in vielen Jahren spürbar wird, sondern auch auf solche, die kurzfristig zu einer Wiederbelebung führen. Das reduziert den Unmut in der Bevölkerung und macht sie weniger empfänglich für Populismus. Und, wenn die ersten Punkte schon nicht Motivation genug sind, es erhöht die Chancen auf eine Wiederwahl – denn wer nicht liefert, wird irgendwann abgewählt.
Erschienen im Sensor Wiesbaden #131