Andere Menschen laufen barfuß durch den Amazonas, kämpfen sich durch Unterholz, überqueren reißende Flüsse. Manche fahren mit dem Hundeschlitten durch Alaska bei minus vierzig Grad. Wieder andere besteigen den Mount Everest, bezahlen fünfstellige Summen dafür, in der Todeszone nach Luft zu ringen.
Ich brauche das alles nicht. Mir genügen ein Deutschlandticket und der Rhein-Main-Verkehrsverbund. Das ist günstiger, aber nicht minder aufregend. Nie weiß man, wann und ob man das Ziel erreicht.
Jeden Morgen das gleiche Spiel. Am Bahnsteig die Frage: Kommt die Bahn? Und wann kommt sie? Die Anzeige verspricht Pünktlichkeit. Die Realität sagt anderes. In der angeblich topaktuellen RMV-App ist die RB10 seit 20 Minuten auf dem Weg nach Frankfurt und fast schon da. Aus den Lautsprechern knarzt es blechern: „krzz…Wiesbaden…krrzzs…Verspätung…krazz.“
Der Mann neben mir zuckt mit den Schultern. Die Frau gegenüber scrollt durchs Handy. Keiner von uns hat auch nur ein Wort verstanden. Aber wir wissen alle Bescheid.
20 Minuten später fährt die RB10 endlich in den Bahnhof ein. Die Fahrt verläuft ohne Probleme. Der Zug schleicht dahin und sammelt die Verspätungsminuten wie Incels Körbe. Irgendwann erreicht die Bummelbahn wirklich die Endhaltestelle Frankfurt Hauptbahnhof – mittlerweile mit 70 Minuten Verspätung. Ist ja kein Problem. Die geschätzt 500 Pendlerinnen und Pendler dieser Fahrt haben verständnisvolle Vorgesetzte. Und der ÖPNV-Profi legt sich ohnehin keine Termine vor 11:30 Uhr.
Aber wenigstens kam man an. Denn das ist nicht immer gesagt.
Neulich, es war ein Dienstagabend. Die S8 nach Wiesbaden war zum Bersten gefüllt. Draußen war es dunkel und schneite, drinnen roch es nach nassem Mantel und Müdigkeit. Kurz hinter dem Flughafen knackte es in den Lautsprechern. Eine Stimme verkündete monoton: „Diese Bahn endet in Rüsselsheim-Opelwerk. Alle Fahrgäste werden gebeten, auszusteigen.“
Es ist Januar. Es ist kalt. Rüsselsheim-Opelwerk ist ein Bahnsteig im Nirgendwo. Ein Ort, an dem niemand freiwillig aussteigt, sondern nur, weil es sein muss.
Kein Warteraum, keine Heizung. Stattdessen nur Wind, Dunkelheit und die vage Hoffnung, dass irgendwann vielleicht eine weitere Bahn kommt und Rüsselsheim nicht die Endstation bleibt.
Ich bin dem RMV dankbar. Durch ihn hat mein Leben Nervenkitzel. Abenteuer. Überraschung. Langeweile kenne ich nur noch vom Hörensagen.
Manche suchen das Abenteuer in der Ferne. Ich finde es jeden Tag aufs Neue – zwischen Wiesbaden und Frankfurt, irgendwo im Herzen des Rhein-Main-Gebiets, ausgestattet mit nichts als einem Deutschlandticket und Demut.
Es ist ein Abenteuer. Jeden Tag aufs Neue.
Fatal? Vielleicht.
Aber langweilig wird’s nicht.