FALK FATAL hängt in der Zeitschleife fest

Falk Fatal hängt in der Zeitschleife fest

Wiesbaden im November. 7.30 Uhr. Die Kaffeemaschine steht auf on. Die Tasse füllt sich bis zum Rand mit Präzision. Jeden Tag Senseo für die Kickration. Draußen vor der Tür frisst sich ein Bandwurm aus Metall durch die Straßen der Innenstadt. Der Bandwurm kreuzt sich und verknäuelt sich. Er zuckt nur manchmal, wenn die Ampel ein paar Glücklichen freie Fahrt verspricht. Der Bismarckring ist blockiert und zeigt seine Eingeweide. Wie jeden Tag um diese Zeit.

Presslufthämmer pumpen den Beat für das Hupcrescendo, das in diesen Stunden niemals verstummt. Applaus gibt es dafür nicht. Das Publikum schleicht mit gesenktem Kopf vorbei, kein Interesse für Büromaschinen A – Z und Euro As Versicherungen, zu wichtig ist das Geschehen auf dem Smartphone-Display. Gegenüber der Fahrschule stehen Männer vor einer Kneipe und rauchen. Ein Schnapsatemwölkchen hält sich über dem Trottoir, überdeckt kurz den beißenden Marlborogeruch, bevor es diffundiert. Welke Blätter bedecken den Mittelstreifen wie einen gelben Teppich und sind einige Tage später nur noch glitschiges Blattmaschee. Ein Hund hebt das Bein und pinkelt auf grauen Stein, einen Meter darüber hat jemand eine Botschaft hinterlassen: “Sheiße” steht dort gesprüht. Orthografisch knapp daneben, inhaltlich aber ein treffender Kommentar zum Zeitgeschehen. Sheiße!

Pflegekräfte, die Alarm schlagen, Mediziner:innen, die die Triage fürchten, Politiker:innen, die darauf hoffen, dass sich die Lage schon irgendwie entspannen wird, während andere Beschränkungen fordern. Waren wir an dieser Stelle nicht schon einmal? Vor einem Jahr? Und jetzt sind wir wieder hier? Als ob wir in einer Zeitschleife gefangen wären, nur genervter als vor einem Jahr. Denn jetzt gibt es Impfstoffe, die die Allermeisten vor dem Allerschlimmsten schützen können. Vor einem Jahr war der Impfstoff der Hoffnungsschimmer auf eine baldige Rückkehr der vermeintlichen Normalität. Jetzt ist er ein Beweis dafür, dass der Mensch nicht automatisch ein Homo oeconomicus oder ein solidarisches Wesen ist.

Stattdessen stehen wir immer noch vor der Frage: Freiheit oder Sicherheit?

Wie weit darf die Freiheit der Unvernunft die Sicherheit der Übrigen gefährden? Wie weit darf die Sicherheit der Allgemeinheit die Freiheit der Einzelnen beschränken? Und wie viele Menschen müssen noch an diesem scheiß Virus sterben, bis wir uns auf eine Antwort geeinigt haben?Die Ampel springt wieder auf Grün. Die Stahlkarawane zieht ein paar Meter weiter. Wie jeden Tag um diese Zeit. Bald wird wieder Abend sein. Die Schlacht von Sedan um den gleichnamigen Platz herum findet wieder statt. Hat man das nicht früher Parkplatzsuche genannt?

Kommt gut ins neue Jahr.

Erschienen im Sensor Wiesbaden #97

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