Wiesbaden hat wieder die Wahl. Dieses Mal soll ein neues oder altes Stadtoberhaupt gewählt werden. Gelingt dem verlässlichen, aber auch leicht blass-wirkende Amtsinhaber Gert-Uwe Mende der Repeat, obwohl er auf manchen Plakaten statt dem SPD-Rot ein
FPD-gelb verwendet?
Oder wird sich einer der neun Herausforderer und Herausforderin durchsetzen? Realistische Chancen dürften sich neben Mende noch Thilo von Debschitz, der für FDP und CDU antritt und mit seinem Unternehmensberaterlächeln zu überzeugen versucht, sowie Gesine Bonnet von Bündnis90/Die Grünen ausrechnen.
Die übrigen Kandidaten werden aller Voraussicht keine Chance auf den OB-Posten haben. Vielleicht auch, weil sich manche Kandidaten inhaltlich sehr ähneln und gegenseitig Stimmen abnehmen. Das ein Kandidat der Freien Wähler und ein Kandidat der Freien Wählergemeinschaft zur Oberbürgermeisterwahl antreten, klingt wie ein Streitgespräch zwischen der Volksfront von Judäa und der Judäischen Volksfront. Oder was könnten die Kandidaten der Satire-Parteien Die Partei und der Initiative Pro Auto als Tag-Team für Synergien schaffen.
Innenfreie Autostadt mit vielen Parkplätzen
Lukas Haker will eine Innenfreie Autostadt, Christian Hill genügt die Autostadt. Das sind doch Gemeinsamkeiten, auf die sich aufbauen lässt. So könnten beide guten Gewissens das Bowling Green in einen Parkplatz verwandeln und halten damit zentrale Wahlkampfversprechen ein. Die geplante U-Bahn befreit die Straßen von den störenden Linienbussen und Fahrrädern, die den Wiesbadenern die freie Fahrt rauben. Über die verhassten Umweltspuren können wieder die Autos rasen, Radwege werden wieder zu Parkplätzen, kostenlos natürlich. Wenn dann auch die Mainzer Innenstadt platt gemacht wird, wie von Haker vorgesehen, um grüne Ausgleichsflächen für Wiesbaden zu schaffen, bedeutet dies das Ende des größten Diebstahls der Menschheitsgeschichte: dem Parkplatzklau in Wiesbaden. Dürerpark, Kurpark und Reisinger Anlagen werden ebenfalls zu kostenlosen Parkplätzen. Denn nichts braucht Wiesbaden dringlicher als kostenlose Parkplätze; sonst ziehen die Leute alle ins Main-Taunus-Zentrum. Da sind die Parkplätze kostenlos und es ist nicht so öde wie in der Fußgängerzone.
Solch eine Politik bliebe natürlich nicht unbemerkt, im Gegenteil: Sie würde noch mehr Autos anlocken, damit die Autodichte irgendwann wirklich bei 1 liegt und niemand mehr Beifahrer sein muss.
Aber dazu wird es leider nicht kommen. Das Satire-Tag-Team würde es nicht einmal in die Stichwahl schaffen. Politik ist für viele dann doch eine ernste Sache und einer der drei oben genannten Kandidaten wird das Rennen entscheiden. Ist vielleicht auch besser so.
Erschienen in Sensor Wiesbaden #128