Falk Fatal ist ratlos

Falk Fatal

Zwischen Washington und Wiesbaden mögen rund 6.500 Kilometer liegen, doch was am 6. Januar in der US-amerikanischen Hauptstadt geschehen ist, betrifft auch uns. Denn die Menschen, die das Kapitol gestürmt haben, finden wir auch hier. Es sind die „besorgten Bürger“, die am 30. August 2020 mit der Flaggedes Deutschen Kaiserreichs in der Hand die Treppe des Reichstags gestürmt haben, um die „Merkel-Diktatur“ zu stürzen. Es sind die „Querdenker“, die in den Reisinger-Anlagen gegen die Tyrannei der Infektionsschutzmaßnahmen gewettert haben. Es sind die Leute, die glauben, die politische Elite ernähre sichvon Kinderblut und Donald Trump wäre der Erlöser, der die Menschheit von diesem Bösen befreit.

“Querdenken” als Realitätsflucht

Es sind die Menschen, die glauben, den SARS-CoV-2-Virus gäbe es gar nicht, oder der Virus wäre nicht gefährlicher als eine Grippe. Es sind die Menschen, die ihr Schicksal mit dem von Sophie Scholl gleichsetzen. Es sind die Menschen, die sich einen Judenstern anheften, weil eine Maskenpflicht für sie dasselbe ist wie der Holocaust. Es sind die Menschen, die glauben bei der Corona-Schutzimpfung würden uns Chips implantiert, damit man uns besser steuern kann. Es sind die Menschen, die glauben Bill Gates und George Soros beziehungsweise die Volksrepublik China hätten die Pandemie veranlasst. Es sind die Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnis für eine Meinung halten. Es sind die Menschen, die für sich Meinungsfreiheit reklamieren, aber andere Meinungen zum Schweigen bringen wollen. Es sind die Menschen, die an den großen Austausch glauben und zur Waffe greifen, um in Kassel, Hanau, München oderHalle den Blutdurst ihres antisemitischen und rassistischen Wahns zu stillen.

Es sind die Menschen, die den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben, die den Tatsachen nicht mehr ins Auge blicken wollen, die sich komplett in einer Socia-Media-Welt aus Lügen und Verschwörungsmythen verloren haben und sich immer weiter radikalisieren. Es sind die Menschen, die von Fakten und der Kraft desbesseren Arguments nicht mehr überzeugt werden wollen. Es sind die Menschen für die der Verschwörungsglaube zur Religion geworden ist.

Ich weiß nicht, wie wir diese Glaubenkrieger*innen wieder in die Wirklichkeit zurückholen. Ich habe keine Ahnung, wie wir diese Flut an Lügen, Hetze und Terrorfantasien stoppen, und gleichzeitig die Menschen widerstandsfähiger dagegen machen können. Ich weiß nur, wenn wir damit nicht sehr bald beginnen, wird der Sturm auf das Kapitol nicht der traurige Endpunkt von vier Jahren Trump gewesen sein, sondern der Beginn von etwas noch viel Schlimmeren.

Erschienen im Sensor Wiesbaden #90

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