Der Kreislauf der guten Vorsätze

Guter Vorsatz

Jedes Jahr das Gleiche: Meine Silvestervorsätze nehmen mal wieder denselben Verlauf wie in den Monaten zuvor.

Im Januar bin ich voll motiviert. Nichts kann mich von meinen Vorsätzen abbringen. Mögliche Hürden nehme ich mit Leichtigkeit. Der Februar ist der kürzestes Monat und schnell gemeistert. Versuchungen ignoriere ich gekonnt.

Im März ist die verbale Motivation noch immer vorhanden. Doch insgeheim wächst das Verlangen, die Vorsätze wenigstens mal kurz zu unterbrechen. Ich habe bislang ja gut durchgehalten. Eine Ausnahme wird sicher nichts schaden.

Dann folgt der April. Aus der einen Ausnahme wird ein regelmäßiger Cheatday.

Der Wonnemonat lässt nicht nur die Blätter ergrünen, er verwandelt meinen Cheatday in die Wochenendfreude, die dank verschiedener Feier- und Brückentage im Mai auch mal vier Tage dauern kann. Doch noch verneine ich mein Scheitern – obwohl es offensichtlich ist. Die guten Vorsätze sind dahin.

Im Juni folgt dann das Eingeständnis. Ich will mich nicht länger selbst belügen. Ich will meinen Lastern wieder öffentlich frönen. Und das mache ich dann auch. Die puritanische Ernsthaftigkeit ist einer hedonistischen Gelassenheit gewichen. Es ist Sommer und da will ich das gute Wetter genießen und nicht gegen meine Laster ankämpfen.

Juli und August vergehen wie im Fluge. Von den guten Vorsätzen keine Spur. Die haben sich vermutlich längst über alle Berge davon gemacht. Doch das ist ein Trugschluss. Das schlechte Gewissen war nie weg und spätestens mit dem ersten größeren Temperatursturz im September, macht es sich wieder bemerkbar: “Wir sind’s, Deine guten Vorsätzen. Wir wollten mal ‘Hallo’ sagen. Wir haben dich nicht vergessen.”

Der Oktober wird hart. Die guten Vorsätze werden lauter. Ihre Rufen wird eindringlicher. Und sie haben ja Recht. Die guten Vorsätze wurden nicht ohne Grund getroffen. Doch die schlechten Angewohnheiten lassen sich nicht so einfach vertreiben. Sie bleiben standhaft. Im November das gleiche Bild: gute Vorsätze und schlechte Angewohnheiten ranken um die Vorherrschaft. Doch am Horizont ist schon der Jahreswechsel zu sehen. Dass ist doch ein guter Zeitpunkt, um einen klaren Schnitt zu machen, und die schlechten Angewohnheiten hinter sich zu lassen. Ein neuer Vorsatz wird gefasst.

Der Dezember ist dann eine Mischung aus Gelage und Augen-zu-und-durch. Dem Laster wird so stark gefrönt, das ich irgendwann nur noch das Monatsende herbeisehne und mich darauf freue, meine schlechten Angewohnheiten in der Silvesternacht endgültig hinter mir zu lassen.

Dann ist wieder Januar. Ich bin voll motiviert. Meine guten Vorsätze halte ich mit Leichtigkeit ein. Dieses Jahr bestimmt.

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