Falk Fatal und die Goldenen Zwanziger

Falk Fatal

Das ist nicht nur die erste Kolumne des neuen Jahres, nein, sondern auch des neuen Jahrzehnts. Die erste Kolumne in den Roaring Twenties. Endlich leben wir in einem Jahrzehnt, das man vernünftig bezeichnen kann. Schluss mit Verrenkungen wie den Nuller- oder Zehnerjahren. Wir leben jetzt in den Zwanzigern! Und da werden natürlich Erinnerungen wach. An die Goldenen Zwanziger des vorigen Jahrhunderts, an diese kurze Zeitspanne zwischen zwei Weltkriegen und Wirtschaftskrisen. An die Erfindung des Penicillins und des Fernsehens, die Entdeckung des Insulins und des Plasmas, an die Emanzipation der Frau, die in jener Zeit weit voranschritt. Gut, wir waren nicht dabei, das meiste haben wir bei Babylon Berlin oder Guido Knopp aufgeschnappt, manches vielleicht auch in Büchern gelesen.

Welche Errungenschaften werden unsere Zwanziger hervorbringen? Das selbstfahrende Auto? Intelligente Roboter? Saubere Energiegewinnung? Ein Leben in der Virtual Reality? Citybahn-Gegner*innen, die mit einem roten Doppeldeckerbus durch Wiesbaden kurven, um gegen die Bahn zu trommeln?

Denkbar ist alles. Aber bis auf den Bus werden wir vermutlich nichts dergleichen im neuen Jahrzehnt erleben. Zwar nimmt der technische Fortschritt auch mal zwei Treppenstufen, doch das wird nicht reichen. Für das selbstfahrende Auto bräuchten wir ein Tempolimit, damit es mit dem nicht-selbstfahrenden Verkehr klarkommt. Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als das ein deutscher Verkehrsminister ein Tempolimit auf Autobahnen beschließen wird. Und das ist ein weiterer (im globalen Maßstab sehr kleiner) Grund, warum die Klimakatastrophe immer greifbarer und zu dem bestimmenden Thema des Jahrzehnts werden wird.

Während ich diese Zeilen schreibe, brennt Australien. Mehr als eine Milliarde Tiere sind bislang gestorben. Koalas sind praktisch ausgestorben. Bis sich die Natur von diesem Brand wieder erholt, wird es 40 bis 50 Jahre dauern – wenn sie sich überhaupt erholen kann.

Eigentlich wäre spätestens jetzt der Zeitpunkt zu einer radikalen Abkehr der bisherigen Wachstumsideologie. Es wäre stattdessen Zeit für weltweite Solidarität und nicht für Streit und Krieg. Doch unser kleinkariertes Festhalten an Partikularinteressen wird das nicht zulassen.

Wir sollten deshalb mehr in die Forschung der Virtual Reality investieren. Denn bald bleibt uns nichts mehr anderes übrig als eine VR-Brille zu tragen und ein Second Life zu imaginieren, wenn wir grüne Wiesen und schneebedeckte Berggipfel sehen wollen. Und wenn wir dann beim Gletscherspaziergang einen Koala begegnen, wissen wir wenigstens: Das ist nur ein Fehler in der Matrix.

Erschienen im Sensor Wiesbaden #81

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